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Biographie (7/10)
Paris, 1929. Die Meister

Im Atelier ,La Grande Chaumière', wo er malt, begegnet Staude dem österreichischen Bildhauer Ludwig Kasper.
Kasper, bäuerlichen Ursprungs, war unwirsch und wortkarg. Doch bemerkte Staude während ihrer gemeinsamen Besichtigungen des Jeu de Paume, wo die Bilder der französischen Impressionisten hingen, dass dieser Anhänger des Bildhauers Adolf Hildebrand und des Malers Hans von Marées etwas Wesentliches verstanden hatte, und er zwang ihn, zuweilen fast mit Gewalt, ihm dieses zu vermitteln.
Vor den Bildern Cézannes und seiner französischen Zeitgenossen erklärt Kasper ihm nun den "Begriff der Form", einen Begriff, der die große Kunst aller Zeiten und Kulturen kennzeichnet, und der Staude zur Klärung seiner eigenen künstlerischen Absichten verhilft. "Niemand hat wie Cézanne ,Bäume', ,Häuser', ,Gesichter' etc. überwunden und daraus Elemente der Gestaltung eines Bildes gemacht", schrieb er viele Jahre später an seinen Freund Herbert Schmidt-Colinet. "Er ist unser aller Muttermilch".
Die Aufgliederung des ,Motivs' in seine Elemente - Raum, Körper, Licht und Schatten - und die Komposition des Bildes aufgrund farblicher und formaler Werte, die allein vom "Gesetz des Bildes" bestimmt werden: dieses ist die cézannesche Forderung, die auch der Malerei Staudes zugrunde liegt. Die Realität der Gegenwart durch das ewig gültige Sieb der großen Formen sehen, ist das, was Paris ihn gelehrt und Ludwig Kasper ihm vermittelt hat.
Bei seinem Pariser Aufenthalt erkennt Staude also in Cézanne, Degas und Manet seine unmittelbaren Lehrer und Vorgänger. Mit ihnen beginnt er einen Dialog, mit ihnen vergleicht er sich, und dieses Gespräch mit den Franzosen wird sich durch die Jahre hindurch ziehen, bis zu einem der letzten Tage seines Lebens, als seine Augen vor einem Aquarell Manets plötzlich aufleuchten: "Meisterhaft - und so zeitgemäß!"
Im "Zeitgemäßen", in diesem "ein Kind seiner Zeit sein" eben lag für Staude einer der höchsten Werte jeglichen künstlerischen Ausdrucks, und Paris, die Stadt in der die moderne Kunst und Literatur geboren waren, ist deshalb stets ein Pol seiner Sehnsüchte geblieben.
Der "Weg" war also gefunden, doch die Unruhe blieb.
Während eines kurzen Aufenthalts in Mont-de-Marsan in der Provence, wo Staude sich bei einer französischen Cousine erholt, fällt nun sein Blick aus dem Fenster auf einen Feigenbaum. Vor der Erscheinung dieses Baumes, der ihm wie die Erscheinung Italiens selbst vorkommt, versteht er nun, wo sein Fehler lag. Sofort packt er seinen Koffer und setzt sich in den Zug nach Florenz, wo er am Pfingstsonntag ankommt. Unter dem Feigenbaum von Wintelers sitzend, schreibt er an Heino Elkan, inmitten der wahrsten toskanischen Landschaft.
Dieses ist seine Landschaft, ist "die Landschaft, die ich in mir trage" und er will sie sich nicht wieder versagen.
Von Deutschland spricht er im nächsten Jahrzehnt seltener. Die alten Jugendfreunde gehen ihrer eigenen Wege. Doch besteht kein Zweifel, dass Staudes Wesen tief in der Tradition des deutschen Idealismus und der deutschen Romantik verankert ist. In jenem Geiste lässt er sich nun in Florenz endgültig nieder und macht sich an die eigene Arbeit.